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Zum 9. Mai dieses Jahres haben wir es wieder erfahren, wie wir Deutsche diesen Tag einzuordnen haben – als Tag der Befreiung.

Unbestritten ist es, dass das deutsche Reich 1945 nicht oder nicht mehr in der Lage war, das Unrechtsystem des Nationalsozialismus aus eigener Kraft abzuschütteln. In Vergessenheit gerät, dass das Kriegsziel der Alliierten nicht die Befreiung Deutschlands war, sondern dessen bedingungslose Unterwerfung. Wirklich befreit wurden die Häftlinge in den KZ und die alliierten Kriegsgefangenen sowie die Zwangsarbeiter.

Es wird der Umstand verdrängt, wenn nicht sogar billigend in Kauf genommen, dass nach der Befreiung noch Hunderttausende, wenn nicht sogar Millionen Deutsche durch Vertreibung und Kriegsgefangenschaft (wohlgemerkt: nach Ende des Krieges) zwangsweise ihr Leben verloren. Je weiter wir uns vom Kriegsende entfernen, desto weniger spielt dieser Umstand eine Rolle. Die Kriegs- und Erlebnisgeneration kann sich hierzu aus biologischen Gründen nur noch andeutungsweise äußern. Ihre Stimme verblasst. Ihr wird zunehmend vorgeworfen, in den Jahren des Wiederaufbaus das Trauma der Korrumpierung durch den Nationalsozialismus und dessen zunehmend verbrecherisches System negiert, zumindest nicht aufgearbeitet zu haben. Auch dieses ist, zumindest zum Teil, unstrittig und eines der Ursachen der 68er-Bewegung. Doch erst heute, im Umfeld des Jahrestages der Kapitulation, beginnt man in der veröffentlichten Meinung von der Kriegsgeneration als Tätergeneration zu sprechen.

Dies kann nicht unwidersprochen hingenommen werden. Wenn wir heute in der 3. Generation nach Kriegsende stehen (Kriegsgeneration, Nachkriegsgeneration, Wiedervereinigungsgeneration) können wir nicht zulassen, dass eine gesamte Generation mit einem solchen Unwort belegt wird.

Die Kriegsgeneration stand in der dunkelsten Epoche der deutschen Geschichte. Geschichte und Schicksal hat es an sich, dass der einzelne sich nicht aussuchen kann, in welchen Umständen er zu leben hat. Lässt er sich von seinem Gewissen leiten, wird er Recht und Unrecht erkennen, aber auch, wie die Umstände sein Handeln beeinflussen. Dies trifft für die Masse der Deutschen (wie auch Österreicher) in den Zeiten des Unrechtregimes zu, wirkliche Täter waren mit Sicherheit nur ein Bruchteil dieser Generation. Somit ist es unredlich, ja böswillig, den Begriff „Tätergeneration“ zu verwenden. Er wird auch in der Geschichtsschreibung keinen Bestand haben.

Doch zurück zu unseren „Befreiern“ vom Nationalsozialismus und dem Jahrestag der Kapitulation. Dass unsere Repräsentanten an ihren Siegesfeiern teilnehmen, ist schon seit längerem ein Akt der selbstgewählten Erniedrigung, aber ohne Demutsbezeugungen unter Umständen „politisch korrekt“.

Jedoch: Die wie zuletzt bei der Siegesfeier in Moskau von der Kanzlerin gewählte Demutsbezeugung: „Wir danken dem russ Volk für unsere Befreiung“ treffen insbesondere bei den Siegern (hier die Russen) auf unverhohlenes Unverständnis. Wer je mit russ Veteranenverbänden zu tun hatte, kennt ihre Einstellung: sie sind stolz auf ihren Sieg, begegnen uns Deutschen jedoch mit großer Geste, auf Augenhöhe. Dankbarkeit für unsere Niederlage ist und bleibt für sie ein Zeichen von Schwäche, hierfür hegen sie Verachtung.

Doch noch ein Wort zur Kriegsgeneration: ausgerechnet sie ist es, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Aussöhnung mit dem ehem Gegner vorangetrieben hat. Man hat sich nicht nur um die anzulegenden Soldatenfriedhöfe gekümmert, sondern sich im sozialen Umfeld vorbildlich engagiert. Durch gegenseitigen Austausch ist ein „Beziehungsgeflecht“ entstanden, auf dem künftige Generationen aufbauen können.

Klaus Behlert



 


 

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